Silvester: Vergänglichkeit und Menschen-Memory

An einem meiner letzten Arbeitstage in diesem Jahr flatterte eine der ersten Feiertags-Mails in mein Postfach: „Wünsche frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Jahr 2016“. Wer kennt die nicht? Es ist eine süße Geste, die zu einem zarten Lächeln verleitet. Gleichzeitig sind diese Mails der Anfang vom (Jahres-)Ende.

Inzwischen sind die Urlaubstage schon weitgehend dahingezogen und ich bin nach einem tatsächlich entspannten Weihnachtsfest zurück in meiner Wahlheimat. Denn obwohl ich nun schon drei Jahre in Köln wohne, habe ich noch nie den Jahreswechsel hier erlebt. Das wollte ich jetzt nachholen.

Jedes Jahr um diese Zeit schwanken meine Gefühle zwischen freudiger Erwartung der Fest- und Feiertage und einer seltsam ruhigen Endzeitstimmung. Weihnachten und die damit verbundene Zeit bei der Familie schätze und genieße ich sehr, Silvester hingegen war noch nie meins. Die Vorstellung, dass ein Jahr zu Ende geht, dessen Tage nie mehr wiederkommen, ist so wahnsinnig endlich. Alle Kalenderblätter mit 2015 wandern in den Müll, die braucht niemand mehr. Und dann steht da dieses neue Jahr vor der Tür. Von dem sich doch irgendwie jeder verspricht, es möge das beste überhaupt werden. Entweder noch toller als das zuvor oder einfach weniger schlimm.

Es werden Vorsätze erdacht, dem Rauchen wird abgeschworen, der Traumprinz auf dem Gaul gewünscht. Da wird die Zukunft aus geschmolzenem Blei gelesen, Wunschzettel werden mit Raketen in die Luft geschossen oder altes Geschirr aus dem Fenster geworfen.

Während ich diese Zeilen schreibe, knallt es draußen schon. Was hat es damit eigentlich auf sich? Silvester ist noch mehr als drei Stunden entfernt, aber manche ballern einfach schon mal (vor-)freudig drauf los…

Eine schöne Sache an Silvester: Alles wird ein Stück weit schöner gemacht als sonst, mehr zelebriert. Da gibt es mehrere Essensgänge (und überhaupt Essen, Essen, Essen; war ja Weihnachten noch nicht genug), das schöne Kleidchen darf aus dem Schrank und die Einkäufe fallen großzügiger aus.An Silvester darf's ein wenig mehr sein Wie wohl die meisten begab auch ich mich heute zum nächsten Laden. Zusammen mit meiner Freundin wühlte ich mich also durch den gut gefüllten Supermarkt. Mit einer gewissen Portion Geduld und Entspanntheit kann das richtig Spaß machen. Zumindest mir. Hier lässt sich nämlich „Menschen Memory“ spielen. Während man auf der Suche nach Lebensmitteln oder Freundin oder beidem durch die zahlreichen Gänge huscht, sieht man immer wieder die gleichen Personen. Die Frau mit dem roten Schal, den Mann mit dem braunen Mantel, das Kind, das den Supermarkt entspannt im Einkaufswagen sitzend erkundet.

Als ich die früher oder später aufgespürten Zutaten aus dem Regal nehme, fällt mir das Mindesthaltbarkeitsdatum ins Auge: 2016. Da ist sie die Vergänglichkeit, schwarz auf weiß.

Auf Facebook werden jetzt häufig mehr als 50 Leute auf Silvesterfotos verlinkt. Derweil flattern in Whatsapp die guten Wünsche ein. Darunter auch eine meiner Lieblingsfloskeln: „Sehen uns nächstes Jahr.“ Dieser Satz löst regelrecht Gänsehaut bei mir aus.

Da man sich der Vergänglichkeit nicht entziehen kann, ist dies mein letzter Blogeintrag in diesem Jahr. Ich wünsche euch allen einen guten Start in 2016, mögen eure Wünsche – ob in Blei oder auf Papier – in Erfüllung gehen. Dabei hilft es, einmal tief zu stapeln. Es muss doch nicht gleich das ultimative Traumhaus, der wahre Traumprinz oder der beste Job aller Zeiten sein. Denn dann gingen uns doch die Wünsche aus?