Haltestelle Abschied: Umsteigemöglichkeit zu Trauer und Zuversicht

Ich bin Optimist. Ich bin ein positiver Mensch. Ich konzentriere mich darauf, die guten Dinge zu sehen, nicht die schlechten. Und darin bin ich sehr gut. Ich kann mich über Kleinigkeiten, absurd unbedeutende Details freuen, die andere gar nicht wahrnehmen. Das ist eine wertvolle Eigenschaft.

Doch ich spüre, wie sich etwas ändert. In mir. Es kam nicht von heute auf gleich, es ist vielmehr ein schleichender Prozess. Ich hatte bislang sehr viel Glück in meinem Leben. Ich kann mich nicht erinnern – bis auf die Scheidung meiner Eltern – jemals etwas wahrhaft Schlechtes erlebt zu haben. Im Oktober 2013 sollte ich das erste Mal erleben, was Abschied bedeutet. Ich musste Susi, meine treueste Begleiterin, gehen lassen.

Gott sei Dank haben wir sie nicht bei einem Unfall verloren. Es war also kein plötzlicher Abschied, sondern etwas, worauf man sich einstellen konnte. Und doch ist der ernste Moment irgendwie eine Überraschung.

Ende letzten Jahres war dann der Moment gekommen, den früher oder später jeder Mensch erlebt. Manche erst spät, manche schon im Kindesalter. Ich wurde damit konfrontiert, einen geliebten Menschen zu verlieren. Jährlich erkranken allein in Deutschland Hunderttausende an Krebs. Das ist wahrscheinlich jedem bewusst – so wie es auch mir bewusst war. Und doch ist es ganz anders, wenn es jemanden trifft, den du liebst.

Niemand verdient es, krank zu werden oder zu sterben. Je früher es jemanden trifft, desto schlimmer ist das Unverständnis: Wieso stellt mich das Leben vor diese Prüfung? Meine Oma war 74 Jahre alt, als sie die Diagnose Krebs erhielt. Und sie war 74 Jahre alt, als diese wahnsinnige Krankheit sie von uns nahm. Sicher, früher sind die Menschen nicht einmal so alt geworden. Aber meine Oma war noch viel zu fit und hätte noch viel zu viel erleben sollen. Wir alle hätten so viel mehr mit ihr erleben sollen.

Sie hätte meinen künftigen Freund beäugen sollen, ihn mehrmals bitten, sich doch nochmal nachzuschöpfen. Sie hätte Köln besuchen müssen, sehen wie ich hier lebe. Sie hätte sehen müssen, wie ich heirate und Kinder bekomme.

Aus einem gemeinsamen Weg wird eine Sackgasse

Wenn jemand stirbt, ist das, als stünde man an einem Pfad, der nicht mehr weitergeht. An einem Weg, der abrupt endet. Auf dem man zusammen mit der geliebten Person Abenteuer erlebt und Lebensereignisse geteilt hat. Dieser Pfad soll ab sofort eine Sackgasse bleiben. An diesen Gedanken muss man sich gewöhnen, ihn akzeptieren.

Ich bin weit davon entfernt, den Tod meiner Oma verstanden zu haben. Und ich weiß auch nicht recht, wie das funktionieren soll. Ich habe das Gefühl, dass man im Stress des Alltags gar nicht die Gelegenheit erhält, zur Ruhe zu kommen. Sich zurückzuziehen und Trauer zu verarbeiten.

Seit diesen Abschieden fühle ich mich ein Stück weit erwachsener. Das Leben hat mir gezeigt, dass es nicht nur Freude und Glück gibt. Es kommen auch dunklere Zeiten, Misserfolg und Trauer. Das macht das Leben aus. Es ist, als hätte sich nicht nur das Spektrum des Lebens für mich erweitert. Ich lernte auch eine neue Seite an mir kennen. Eine traurige, verzweifelte. Ich erwische mich in Momenten, in denen ich mich frage, wofür sich alles lohnt.

Ich bin immer noch derselbe Mensch wie vorher. Es ist nur eine neue Seite hinzugekommen. Jeder von uns wird früher oder später mit dieser Seite seines Ichs konfrontiert. Das ist völlig normal. Wichtig ist aber, dass man diese Seite akzeptiert und wieder den Blick nach vorne findet. Dabei helfen Familie und Freunde. Zusammen lassen sich Ereignisse verarbeiten. Wenn dein Sichtfeld mal zu dunkel ist, sorgen diese wertvollen Menschen für Licht.